Warum verliebe ich mich immer in die falsche Person?

Zunächst einmal muss gesagt sein, dass die Wahl des Partners sich in unserem Unterbewusstsein abspielt. Sinneseindrücke wie Aussehen, Geruch, Mimik, Gestik, Stimme usw. aktivieren in einer Region unseres Gehirns, die der Ratio nicht zugänglich ist (limbisches System), einen positiven oder negativen Eindruck. Diese Hirnregion wird bereits in unserer frühesten Kindheit ausgeprägt und speichert Sinneseindrücke und Erfahrungen gekoppelt mit den für uns dazugehörigen Gefühlen wie Geborgenheit, Angst, Freude,Trauer, usw. ab. Daher wissen wir meist gar nicht, warum uns eine bestimmte Person sympathisch ist oder nicht.

Wir können also nicht willentlich bestimmen auf wen unsere Wahl fallen soll. Hinzu kommt, dass wir von unserem Elternhaus, unseren positiven und negativen Erfahrungen mit anderen Menschen stark geprägt sind. Diese Prägungen beeinflussen den unbewussten Vorgang der Partnerwahl.

In Sekundenbruchteilen trifft unser Unterbewusstsein eine Wahl. Dies ist insofern praktisch, als dass wir total überfordert wären, müssten wir alle Vor- und Nachteile eines möglichen Partners bewusst abwägen. Nimmt man den oder die, der nett lächelt, super aussieht, aber ein armer Schlucker ist? Oder lieber den- oder diejenige mit den abstehenden Ohren, die uns an die/den Lieblingstante oder -onkel erinnert? Die Erstellung einer Pro- und Kontra- Liste wäre tagesfüllend. Wir wären so mit der bewussten Partnerwahl beschäftigt, dass wir dafür Urlaub beantragen müssten. Und wenn man diesen Gedanken weiter spinnt, wäre wahrscheinlich die Menschheit stark vom Aussterben bedroht, würde jeder Monate oder Jahre damit zubringen sich einen geeigneten Partner zu suchen.

Auf jeden Fall sollte der erwählte Partner jemand sein, der all die guten Eigenschaften mitbringt, die man auch bei seinen Eltern als Paar geschätzt hat und all diejenigen vermeidet, die einem immer schon undenkbar in einer Beziehung vorkamen.

Zusammengefasst kann man also Folgendes festhalten: Wir wissen (meistens) genau was wir uns von einem Partner wünschen und was wir auf gar keinen Fall haben möchten. Das wäre der rationale Teil am Verlieben. Diesen gibt es aber leider nicht, denn unbewusste Entscheidungen und Handlungen werden von einer ganz anderen Hirnregion gesteuert, als bewusste (rationale) Entscheidungen. Man kann sich also noch sehr vornehmen sich in einen ausgeglichenen, gefühlvollen Menschen zu verlieben mit dem das Leben einfach und entspannt wäre, und verliebt sich trotzdem in den Wüterich, der oft kleinlich ist und gemein sein kann.

Aber warum lenkt uns unser Unterbewusstsein oft genau zu den Menschen, die wir, wenn wir bewusst darüber entscheiden könnten, eventuell gar nicht auswählen würden?

Zunächst einmal sieht man in der ersten Phase der Verliebtheit, bedingt durch den oft zitierten Hormoncocktail, alles durch eine rosarote Brille. Selbst wenn erste Differenzen erkannt werden, werden diese ignoriert. In der Hochphase des Verliebtseins scheint einem alles möglich.

Und zum anderen ist der Mensch ein absolutes Gewohnheitstier. Wir denken, agieren und leben nach Mustern, die fest in unserem Gehirn verankert sind. Wie bereits erwähnt, entstehen diese Muster in unseren prägenden Jahren, in denen sich unser Gehirn entwickelt und die Grundinformationen gespeichert werden. In unserer Kindheit. Oft sogar in Zeiten, an die wir uns gar nicht mehr erinnern können.

Das Belohnungszentrum in unserem Gehirn (das gibt es tatsächlich, es schüttet den Glücksbotenstoff Dopamin aus) wird immer dann aktiv, wenn wir bekannte Situationen erleben, bekannte Gerüche riechen, bekannten Verhaltensweisen begegnen. Das Gemeine an der ganzen Sache ist, dass wenn wir früh erfahren, dass uns jemand schlecht behandelt, unser Belohnungssystem im Gehirn uns genau für diese Erfahrung immer wieder belohnt. Weil es eine Situation ist, die wir kennen, die uns vertraut ist.

Hierzu ein Beispiel: Ein Mädchen macht die Erfahrung als Kind, wie es ist, mit einem gewalttätigen Vater aufzuwachsen. Später lernt sie einen Mann kennen, der kurze Zeit später ebenfalls gewalttätig ihr gegenüber wird. Sie kennt solche Szenen aus ihrer Kindheit und Jugend und das Belohnungszentrum im Gehirn wird aktiv und gibt ihr das Signal "Alles beim Alten." Auf kuriose Weise wirkt das beruhigend, weil bekannt. Das heisst natürlich nicht, dass diese Frau auf Dauer glücklich mit der Situation ist. Allerdings wirkt alles Bekannte auf uns schon mal nicht fremd und evolutionstechnisch gesehen ist das Vertraute dem Fremden vorzuziehen. Mit Vertrautem kann man leben. Ob man mit diesem Vertrauten glücklich wird, steht auf einem anderen Blatt.

Ein anderes Beispiel wäre: man ist es aus der Kindheit gewohnt sich in den Schlaf zu weinen. Auch im Erwachsenenalter wird dieses Verhalten eine beruhigende Wirkung haben.

Jetzt stellt sich natürlich die Frage, ob wir zeitlebens die Opfer unserer Gedankenmuster (plakativ ausgedrückt: die Opfer unserer eigenen Kindheit) sein müssen?

Natürlich müssen wir dies nicht. Muster können geändert werden. Allerdings kann das nicht durch reine Willenskraft geschehen.  Das Gehirn muss quasi "in neue Bahnen" gelenkt werden. Man könnte auch sagen: 'das Gehirn muss umprogrammiert werden'. Dies ist mitunter ein langwieriger Prozess in dem man sich stark mit sich und seinen frühen Prägungen auseinander setzt.

Dazu ist es zunächst einmal nötig, dass man sich seiner eigenen Familiengeschichte bewusst wird. In diesem Schritt werden einem Denkmuster und Verhaltensweisen von einem selbst, den Eltern, Grosseltern, Geschwister verdeutlicht und wie sich diese auf unsere heutigen Lebensalltag auswirken. Auch spätere Verletzungen und Lebensabschnitte müssen genau unter die Lupe genommen werden. Eine solche "Umbahnung" von alten Mustern ist sicher nicht einfach und erfordert etwas Zeit, allerdings hilft oft schon ein Bewusstwerden von Unbewusstem um erste Veränderungen hervor zu bringen.